Zwei ERC Starting Grants für Max Planck in Freiburg

Der Europäische Forschungsrat fördert die Projekte von Juliane Glaser und Valentin Flury mit insgesamt 3 Millionen Euro

4. September 2025

Valentin Flury und Juliane Glaser vom Freiburger Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik sind vom Europäischen Forschungsrat (ERC) jeweils mit einem Starting Grant ausgezeichnet worden. Die beiden Nachwuchswissenschaftler erhalten damit in den nächsten fünf Jahren rund 1,5 Millionen Euro, um das epigenetische Gedächtnis der Zellen sowie die Rolle von Transposonen während der Embryonalentwicklung zu erforschen.

Auf den Punkt

  • Zwei Projekte am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg erhalten jeweils eine Förderung durch den Europäischen Forschungsrat, der über die nächsten fünf Jahre im Rahmen zweier »ERC Starting Grants« bis zu 1,5 Millionen Euro pro Projekt bereitstellen wird.
  • Ausgezeichnet: Gruppenleiterin Juliane Glaser erforscht, wie epigenetische Mechanismen Transposone regulieren und welche potenziellen Auswirkungen dies auf die Entwicklung des Embryos hat.
  • Ebenso ausgezeichnet: Gruppenleiter Valentin Flury untersucht die Funktionsweise des „epigenetischen Gedächtnisses“ während der Zellteilung. Er möchte verstehen, wie Unterschiede zwischen Schwesterchromatiden die Zellfunktion und -identität beeinflussen.

„Diese zwei ERC Grants für Valentin Flury und Juliane Glaser unterstreichen die hohe Qualität der Forschung bei Max Planck in Freiburg. Ich freue mich sehr, dass die herausragende Arbeit unserer neuesten Gruppenleitungen auf diese Weise gewürdigt wird“, sagt Ibrahim Cissé, Geschäftsführender Direktor des Max-Planck-Instituts für Immunbiologie und Epigenetik (MPI-IE).

Valentin Flury: „Erhalt des Epigenoms auf Schwesterchromatiden”

Valentin Flury, seit 2024 Gruppenleiter am MPI-IE, untersucht, wie Zellen ihre Funktionen und ihre Identität über die zahlreichen Zellteilungen im Laufe des Lebens eines Organismus beibehalten. Er und sein Team konzentrieren sich dabei auf die Frage, wie epigenetische Mechanismen, insbesondere während der DNA-Replikation, dieses zelluläre Gedächtnis beeinflussen und wie sie die Zellidentität bei Gesundheit und bei Krankheit prägen. Wenn sich Zellen teilen, muss das „epigenetische Gedächtnis“ weitergegeben werden, damit die entstehenden Tochterzellen wissen, wie sie funktionieren sollen. Diese epigenetischen Informationen sind kodiert in den Histonmodifikationen und Histonvarianten. Bei der Übertragung werden diese epigenetische Information vorübergehend von der genetischen Information getrennt, auf beide neu gebildeten Tochterstränge verteilt und muss anschließend in beiden Tochterzellen genau wiederhergestellt werden.

Als Postdoc im Labor von Anja Groth in Kopenhagen identifizierte Flury spezifische Mechanismen, die diese Übertragung epigenetischer Informationen auf die Tochterstränge regulieren. Die genaue Auswirkung der Mechanismen auf die Zellfunktionen ist jedoch noch immer unklar und bildet die Grundlage von Flurys Forschung in Freiburg, wo er nun eine unabhängige Forschungsgruppe am MPI-IE leitet.

In dem nun mit einem ERC-Grant ausgezeichneten Projekt „EpiMoSis“ beabsichtigt er, Unterschiede zwischen Schwesterchromatiden vor der Zellteilung zu identifizieren und deren Einfluss auf die Zellfunktion sowie die Identität der Tochterzellen zu prüfen. Damit soll es gelingen, die Rolle des epigenetischen Gedächtnisses für die Zellfunktion über Zellteilungen hinweg besser zu verstehen.

„Mit dem ERC Starting Grant ist es unser Ziel, die Zusammensetzung und Funktion der zwei Tochterstränge zu untersuchen, die nach der DNA-Replikation und vor jeder Zellteilung entstehen. Dies ist eine herausfordernde Aufgabe, da die Tochterstränge identische DNA-Sequenzen haben, was ihre Unterscheidung schwierig macht. Wir werden neue Technologien entwickeln, um die Stränge leichter unterscheiden und ihre Funktion analysieren zu können. Da jeder Tochterstrang der Mutterzelle schließlich in separaten Tochterzellen landet, könnten unentdeckte Unterschiede die Funktion und Heterogenität der Tochterzellen erheblich beeinflussen – ein Phänomen, das häufig in der Entwicklung und Krankheitsprogression beobachtet wird“, erläutert Valentin Flury.

Projekt: Epigenome Maintenance on Sister Chromatids (EpiMoSis)

Juliane Glaser: „Transponierbare Elemente als Architekten der Embryonalentwicklung“

Der zweite ERC Starting Grant für das MPI-IE geht an Juliane Glaser, die im Juni 2025 ihr Labor in Freiburg startete. Die französische Gruppenleiterin untersucht die Rolle epigenetischer Mechanismen während der Embryonalentwicklung von Säugetieren, im Speziellen die Regulation sogenannter transponierbarer Elemente. Transponierbare Elemente sind DNA-Segmente, die sich in nahezu allen eukaryotischen Genomen finden. Es handelt sich Sequenzen, die aus alten retroviralen Infektionen stammen. Epigenetische Mechanismen regulieren die Aktivität dieser Elemente, die mit Krankheiten wie Krebs und Alterung in Verbindung gebracht werden. Während der Säugetierentwicklung ist die Aktivierung transponierbarer Elemente ein wesentlicher Bestandteil der frühen Embryonalentwicklung. Ihre Rolle in der späteren Zelldifferenzierung und Organogenese ist jedoch noch weitgehend unerforscht.

Dank der ERC-Förderung kann Juliane Glaser nun das Zusammenspiel zwischen transponierbaren Elementen und der embryonalen Entwicklung bei Mäusen genauer untersuchen. Mit dem geförderten Projekt möchte sie aufdecken, wie diese besonderen Segmente des Genoms zu angeborenen Fehlbildungen, aber auch zur ordnungsgemäßen Embryogenese beitragen. „Spezifisch wird mein Labor untersuchen, wie transponierbare Elemente die Entwicklung des Embryos beeinflussen, nachdem er sich in die Gebärmutterwand eingenistet hat. Dazu werden wir maßgeschneiderte Stammzellen- und In-vivo-Mausmodelle erstellen, die auf spezifische transponierbare Elemente abzielen, und diese mit Omics- und Bildgebungstechnologien kombinieren. Langfristig könnten unsere Ergebnisse nicht nur das Verständnis der Embryonenbildung verändern, sondern auch einen neuen Bereich der genomischen Diagnostik bei Patientinnen und Patienten mit angeborenen Geburtsdefekten eröffnen“, sagt Juliane Glaser.

Die Grundlage für ihre Forschung und das neue ERC-Projekt „TEASEr“ wurde in ihrer erfolgreichen Postdoc-Arbeit im Labor von Stefan Mundlos in Berlin gelegt. Während dieser Zeit entdeckte Juliane Glaser, wie die veränderte epigenetische Regulation eines transponierbaren Elements angeborene Fehlbildungen bei Mäusen verursacht. Ihre Forschung zeigte, dass dieses Element während der Gliedmaßenentwicklung toxische, virenartige Partikel produziert, was zu vorzeitigem Zelltod und deformierten Gliedmaßen führt. Diese Entdeckung bot neue Einblicke in die Art und Weise, wie transponierbare Elemente die Organbildung gestalten können. Es blieb jedoch unklar, ob andere Organe ähnlich betroffen sind oder ob solche Mechanismen für die normale Embryonalentwicklung wesentlich sind. Die Beantwortung dieser Fragen sind ein Schwerpunkt von Glasers Arbeit am MPI-IE in Freiburg.

Projekt: Transposable Elements as Architects Shaping Embryonic development (TEASEr)


CV Valentin Flury

Valentin Flury studierte Biochemie und Molekularbiologie an der Universität Bern (Schweiz). Er promovierte am Friedrich-Miescher-Institut für biomedizinische Forschung in Basel (Schweiz) bei Marc Bühler und entdeckte Mechanismen, wie aktives Chromatin vor dem Silencing geschützt wird. 

Nach seiner Promotion forschte Valentin Flury als EMBO-Postdocstipendiat und mit einem Marie Skłodowska-Curie-Stipendium am Novo Nordisk Foundation Center for Protein Research (CPR) an der Universität Kopenhagen unter der Leitung von Prof. Anja Groth. Seine Forschung konzentrierte sich auf die Entschlüsselung der Mechanismen, wie epigenetische Informationen über Zellteilungen hinweg weitergegeben und aufrechterhalten werden, mit einem Schwerpunkt auf dem Histon-Recycling während der DNA-Replikation und der anschließenden Wiederherstellung. 

Im Mai 2024 wurde Valentin Flury zum unabhängigen Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg ernannt.


CV Juliane Glaser

Juliane Glaser studierte Molekularbiologie und Genetik an der Universität Paris-Cité und promovierte am Institut Curie in Paris. Unter der Leitung von Deborah Bourc’his untersuchte sie die epigenetische Regulation und die physiologischen Auswirkungen der genomischen Prägung. In ihrer Doktorarbeit konnte sie zeigen, dass die kurzzeitige Transkription während der frühen Säugetierentwicklung die Aktivierung eines geprägten Gens programmiert, das für Ernährung und Wachstum nach der Geburt entscheidend ist.

Anschließend wechselte Juliane mit einem unabhängigen Postdoc-Stipendium des Human Frontier Science Program (HFSP) in das Labor von Stefan Mundlos am Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin. Dort erforschte sie, wie strukturelle Variationen im Genom – einschließlich Inversionen, Duplikationen und der Einbau transponierbarer Elemente – die Genregulation während der Entwicklung beeinflussen und zu Erkrankungen beitragen.

Im Jahr 2024 wurde Juliane Glaser als Gruppenleiterin an das Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik berufen und startete ihr Labor offiziell im Juni 2025.


Über die ERC Starting Grants

Die ERC Starting Grants sind hochkompetitive Förderungen, die jährlich vom Europäischen Forschungsrat (ERC) vergeben werden, um herausragende Nachwuchsforscherinnen und -forscher anzuerkennen und zu unterstützen, die bereits erste wissenschaftliche Exzellenz bewiesen haben. Das Programm steht Forschenden jeder Nationalität offen, die an einer europäischen Forschungsinstitution tätig sind. Die Förderung umfasst bis zu 1,5 Millionen Euro über fünf Jahre, um ein unabhängiges Forschungsprogramm aufzubauen. 

Im Rahmen der Ausschreibung für 2025 wurden europaweit 3.928 Anträge eingereicht, von denen nur 478 Projekte gefördert werden, was einer Erfolgsquote von 12,2 % entspricht. Die Starting Grants ermöglichen es talentierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, eigene Teams zu bilden und ambitionierte, risikoreiche sowie vielversprechende Forschungsvorhaben umzusetzen.

Die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) war in der aktuellen Förderrunde eine der erfolgreichsten Einrichtungen in Deutschland und Europa. 16 ERC Starting Grants gingen an Forschende der MPG.

Die Auszeichnungen für Juliane Glaser und Valentin Flury bestätigen den Status des MPI-IE Freiburg als führenden Standort für europäische Spitzenforschung im Bereich Epigenetik und Chromatin. Seit der Gründung des ERC durch die Europäische Union im Jahr 2007 haben Forscherinnen und Forscher des MPIs in Freiburg insgesamt 16 ERC Grants in verschiedenen Programmbereichen erhalten, darunter kürzlich zwei ERC Consolidator Grants für Valérie Hilgers und Nina Cabezas-Wallscheid im Jahr 2024.

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