Asifa Akhtar mit Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg geehrt
Die Freiburger Direktorin des Max-Planck-Instituts erhält die höchste Ehrung des Landes Baden-Württemberg.
- Ehrung: Asifa Akhtar, Direktorin des Max-Planck-Instituts in Freiburg, erhält den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg für ihre herausragenden Leistungen in der Epigenetik.
- Forschung: Akhtar forscht seit fast 30 Jahren am Standort Baden-Württemberg und trägt damit maßgeblich zum Verständnis der epigenetischen Genregulation bei
- Standort- und Nachwuchsförderung: Ihre Arbeit hat Freiburg als wichtigen Standort für Epigenetik-Forschung etabliert. Mit ihrem Engagemment in der Karriereentwicklung verhalf sie in den letzten Jahren vielen junger Talent zu eigenen Forschungsgruppen.
Seit fast 30 Jahren, zunächst am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie in Heidelberg (EMBL) und später seit 2009 am Freiburger Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik, erforscht Asifa Akhtar die Mechanismen der epigenetischen Genregulation. Ihre Entdeckungen zeigen, wie Körperzellen Informationen speichern und weitergeben, ohne dass sich die Gene selbst verändern. Diese Erkenntnisse der Epigenetik sind nicht nur wissenschaftlich bedeutsam, sondern haben auch direkte medizinische Relevanz.
Nun hat die Max-Planck-Direktorin den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg erhalten Ministerpräsident Winfried Kretschmann überreichte ihr die Auszeichnung am 27. März 2026 bei einem Festakt im Neuen Schloss in Stuttgart. Gewürdigt werden damit ihre Verdienste als international führende Wissenschaftlerin und Pionierin auf dem Gebiet der epigenetischen Regulierung.
Freiburg als Epigenetik-Hotspot
Die Auszeichnung würdigt eine Karriere, die weit über einzelne Forschungsergebnisse hinausgeht: Akhtars Arbeit und ihre Engagement am Max-Planck-Institut hat maßgeblich dazu beigetragen, Freiburg und Baden-Württemberg als bedeutenden Standort der Epigenetik-Forschung zu etablieren. Akhtar engagiert sich aktiv in mehreren nationalen Forschungskonsortien, darunter der SFB1381 sowie das Exzellenzcluster CIBSS der Universität Freiburg.
Seit 2010 organisiert sie gemeinsam mit ihrem Institut das Max Planck Freiburg Epigenetics Meeting – eine wissenschaftliche Konferenz, die sich zu einer der zentralen Veranstaltungen der weltweiten Chromatin- und Epigenetik-Forschung entwickelt hat. Auch 2026 kommen führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt für drei Tage in der Schwarzwald-Metropole zusammen, um aktuelle Daten und Forschungsergebnisse zu diskutieren.
Jede menschliche Zelle enthält 46 Chromosomen – darunter die Geschlechtschromosomen. Während Frauen zwei X-Chromosomen besitzen, haben Männer nur eines. Das wirft eine grundlegende biologische Frage auf: Warum produzieren Frauen nicht doppelt so viele Genprodukte wie Männer, obwohl sie doppelt so viele Kopien der X-chromosomalen Gene tragen? Dieses Phänomen, bekannt als Dosiskompensation, steht im Zentrum der Forschung von Asifa Akhtar am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg.
Die Natur hat für dieses Problem in verschiedenen Arten unterschiedliche Lösungen entwickelt. Beim Menschen wird eines der beiden weiblichen X-Chromosomen weitgehend stillgelegt – ein molekularer Mechanismus, der die genetische Ungleichheit ausgleicht. Akhtar und ihr Team erforschen, wie diese Feinabstimmung auf molekularer Ebene funktioniert. Dabei spielt Epigenetik eine entscheidende Rolle: Chemische Markierungen auf der DNA-Verpackung – dem sogenannten Chromatin – steuern, welche Gene aktiv sind und welche nicht. Bestimmte Proteine, etwa MOF-Enzyme, setzen solche Markierungen und regulieren so die Genaktivität.
Diese Grundlagenforschung hat unmittelbare medizinische Bedeutung. Gerät die epigenetische Regulation aus dem Gleichgewicht, können schwere Erkrankungen entstehen. Akhtars Labor hat die molekularen Ursachen des sogenannten Basilicata-Akhtar-Syndroms aufgeklärt – einer sehr seltenen Erkrankung, die vor allem Kinder betrifft und zu Entwicklungsstörungen sowie neurologischen Beeinträchtigungen führt. Darüber hinaus eröffnet das Verständnis epigenetischer Mechanismen neue therapeutische Möglichkeiten: Im Gegensatz zur DNA selbst lassen sich epigenetische Markierungen gezielt beeinflussen – ein vielversprechender Ansatz für die Medizin der Zukunft.
Asifa Akhtar hat nicht nur den Standort gestärkt, sondern auch Generationen von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gefördert. Neun ehemalige Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus ihrem Labor – darunter sechs Frauen – haben inzwischen eigene Forschungsgruppen aufgebaut.
Seit 2020 ist Akhtar zudem Vizepräsidentin der Max-Planck-Gesellschaft und widmet sich in dieser Rolle verstärkt der Sichtbarkeit von Frauen in der Wissenschaft. Sie macht wiederholt auf strukturelle Hürden aufmerksam, mit denen Forscherinnen in Deutschland und weltweit konfrontiert sind – von Unterrepräsentation bis hin zu den besonderen Anforderungen, die mit zunehmender Sichtbarkeit einhergehen. Akhtar setzt sich für moderne Führungsmodelle und eine inklusive Forschungskultur ein, in der Überzeugung, dass wissenschaftlicher Fortschritt und Geschlechtergerechtigkeit untrennbar miteinander verbunden sind.
MR
Biografie Asifa Akhtar
Asifa Akhtar wurde in Karatschi geboren, studierte Biologie am University College London und promovierte 1997 am Imperial Cancer Research Fund in London. Dort forschte sie zu den Mechanismen der Genregulation. Asifa Akhtar setzte ihre Arbeit auf dem Gebiet der Chromatinregulation als Postdoc am Europäische Laboratorium für Molekularbiologie, Heidelberg (EMBL) und am Adolf-Butenandt-Institut in München fort. Anschließend kehrte sie 2001 als Gruppenleiterin an das EMBL Heidelberg zurück, bevor sie 2009 mit ihrem Labor an das MPI in Freiburg wechselte.
Seit 2013 ist Asifa Akhtar Wissenschaftliches Mitglied und Direktorin am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg, seit 2020 zudem Vizepräsidentin der Biologisch-Medizinischen Sektion der Max-Planck-Gesellschaft. Für ihre wissenschaftlichen und persönlichen Leistungen wurde sie vielfach ausgezeichnet: 2008 erhielt sie die Auszeichnung der European Life Science Organization (ELSO) und wurde 2013 zum EMBO Mitglied und 2019 zum Mitglied Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina gewählt.
2021 wurde sie für ihre zellbiologischen Arbeiten zu den Mechanismen der epigenetischen Genregulation dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ausgezeichnet. Ebenfalls 2021 erhielt sie den Christa Šerić-Geiger Preis der Carl-Friedrich Geiger Stiftung, der Frauen würdigt, die sich auf herausragende Weise in Wissenschaft, Bildung, Kultur, in sozialen Belangen oder für Gleichstellung verdient gemacht haben. 2023 wurde ihr Ellis-Island-Ehrenmedaille verliehen. Die Auszeichnung ehrt Personen, die ihren Wissensschatz auch dafür einsetzen, benachteiligte Menschen zu unterstützen. 2025 erhielt sie den FEBS | EMBO Women in Science Award und wurde in die Royal Society gewählt.
Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg
Der Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg – bis Juni 2009 die „Verdienstmedaille“ – wird vom Ministerpräsidenten für herausragende Verdienste um das Land Baden-Württemberg verliehen, insbesondere im politischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Bereich. Die Verleihung des Verdienstordens erfolgt in der Regel einmal jährlich im Rahmen eines Festakts, traditionell in zeitlicher Nähe zum Gründungstag von Baden-Württemberg am 25. April. Die Zahl der Ordensträgerinnen und Ordensträger ist auf insgesamt 1.000 lebende Personen begrenzt.













